Lifestyle: Freiwillige Feuerwehr, eine Selbstverständlichkeit?

„Jugendfeuerwehr Hoch-Weisel meldet sich zur Übung“, voller Stolz sagt Erik diese Worte. Er ist heute Einsatzleiter seines Teams. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Jugendfeuerwehr Hoch-Weisel, findet heute ein Wettkampf unter den zwölf Jugendfeuerwehren aus Butzbach statt. Zu den Übungen zählen Schläuche ausrollen und verlegen, Rohre schnell auf- und abbauen, Staffellauf und Hindernis-Parkour. Für die meisten aus Eriks Team ist das ihr erstes Mal als „Feuerwehrmann in spe“. Sie sind gerade aus der Bambiniabteilung zur Jugendfeuerwehr gewechselt. Jetzt wollen sie ihr Können unter Beweis stellen und den ersten Platz machen.

Hoyer, Hoch-Weisel

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Noch vor ein paar Jahren war die Kinderabteilung in der Feuerwehr eine Seltenheit. Doch immer mehr Feuerwehren bereichern ihre Abteilungen damit. Sie müssen es sogar. Denn der Nachwuchs wird immer weniger. Das liegt zu einem daran, dass es immer weniger Kinder gibt, zum anderen aber auch an einer Fülle von Angeboten anderer Vereine. Aus diesem Grund versuchen die Freiwilligen Feuerwehren schon Kinder im frühsten Alter für sich zu begeistern. Die Kinderabteilung ist für die Jüngsten im Alter von sechs bis zehn Jahren. Hier werden mit Spiel, Spaß und Spannung grundlegende Informationen der Feuerwehr weitergegeben und Interessen geweckt.

„Hoch-Weisel hat seine Kinderabteilung nun schon seit knapp zehn Jahren, um für Nachwuchs zu sorgen. Dabei konnten wir schon einige Kinder in die Jugendfeuerwehr übernehmen“, berichtet Oliver Häuser, Wehrführer von Hoch-Weisel. Auch wo anders in der Wetterau wird einiges unternommen, um die Jugend zu animieren: „Wir haben eine extra Internetseite für unsere Jugendfeuerwehr eingerichtet, außerdem drehen wir ein Imagevideo und planen verschiedene Ausflüge“, erklärt Nicklas Pipperek, Wehrführer von Dorn-Assenheim. „Wir brauchen gerade die Kinder, denn das Eintrittsalter in der Jugendfeuerwehr ist auf zehn Jahre gesetzt, in dem Alter haben die meisten Kinder schon längst ihre Hobbys festgelegt“, stellt der Wehrführer von Dorn-Assenheim klar.

Hessen ist neben Bayern das Bundesland mit den meisten Nachwuchsproblemen. Dies geht aus einer Statistik des deutschen Feuerwehrverbands hervor. Insgesamt 883 Jugendfeuerwehren in Hessen haben im Jahre 2011 Nachwuchsprobleme angemeldet. In ganz Deutschland sind es 6487 Jugendfeuerwehren mit solchen Schwierigkeiten. Im Jahre 2007 waren 247.330 Mitglieder in den Jugendfeuerwehren, 2011 dagegen nur noch 238.190. Dementsprechend gibt es auch immer weniger Nachwuchs in den Einsatzabteilungen. 2011 wurden zum Beispiel nur noch 22.965 Mitglieder der Jugendfeuerwehr als aktive Mitglieder in die Freiwillige Feuerwehr übernommen, 2007 waren es noch 27.748.

Sollte der Nachwuchs irgendwann ganz fehlen, tritt ein Pflichtgesetz ein, was Bürger zwischen 18 und 59 Jahren dazu verpflichtet in die Freiwillige Feuerwehr einzutreten. Zwar gibt es neben den Freiwilligen Feuerwehren auch noch die Berufsfeuerwehren, allerdings sind diese in der Minderheit und nur in Großstädten angesiedelt. In ganz Deutschland gibt es nur 104 Berufsfeuerwehren, hier sind 2,22% von allen Feuerwehrmitgliedern beschäftigt, 76,91% dagegen sind in den rund 24.000 Freiwilligen Feuerwehren aktiv. Der Rest besteht aus Wehrfeuerwehren und Jugendfeuerwehren. Berufsfeuerwehren sind teuer. Denn hier müssen rund um die Uhr mindestens 16 Männer einsatzbereit sein. Die Freiwilligen Feuerwehren durch die Berufsfeuerwehr zu ersetzen wäre für die einzelnen Gemeinden unmöglich.

Erik hat sich damals zwischen dem Sportverein und der Feuerwehr entscheiden müssen. Es wäre sonst zu viel geworden. Dass Erik sich für die Feuerwehr entschieden hat, ist eine Seltenheit. Denn hier wird Ehrgeiz, Disziplin und Können verlangt. Das fanden viele seiner Freunde doof und langweilig. Denn in der Feuerwehr geht es nicht nur um Spaß, sondern auch darum Menschenleben zu retten. Erik erklärt seine Entscheidung folgendermaßen: „Wenn ich im Fußball ein Tor schieße, weiß es nach einer Woche keiner mehr, wenn ich ein Menschenleben gerettet habe, vergisst das keiner“.

Doch auch wenn die Jugendlichen in der Jugendfeuerwehr bleiben und in die Einsatzabteilung übernommen werden, ist die Gefahr noch groß, sie wieder zu verlieren. „Die kritische Phase beginnt meistens mit zwanzig Jahren, wenn man sein erstes Auto kriegt und die erste Freundin hat, da steigen wieder viele bei der Feuerwehr aus“, begründet Nicklas Pipperek. Ein weiteres Problem sähe Pipperek bei den Berufstätigen. In den regionalen Firmen sei es gar kein Problem, die hätten dafür Verständnis, wenn ein Mitarbeiter zum Einsatz fahre. Leider gäbe es auch die Nörgler und die würden immer mehr. Oliver Häuser bestätigt: „Viele Arbeitgeber haben Probleme damit ihre Mitarbeiter freizustellen, da es dann eine Arbeitskraft ist, die kurzfristig komplett ausfällt. Die wollen dann gar nicht mehr, dass die Mitarbeiter zur Feuerwehr fahren“. Eine weitere Schwierigkeit bestehe nach Häusers Angaben darin, dass viele der Älteren früher oder später von der Einsatzabteilung in die Alters- und Ehrenabteilung wechseln würden.

Erik wollte damals zur Feuerwehr, als sein Kindergarten in Hoch-Weisel abgebrannt ist. Durch einen Fehler der Erzieher war glühende Asche in der Mülltonne gelandet. Diese stand nach kurzer Zeit in Brand. Der Wind sorgte dafür, dass sich das Feuer schnell ausbreitete und bald der ganze Kindergarten in Flammen stand. „Ich habe nur eine schwarze Rauchwolke im Dorf gesehen und bin dann hingelaufen, dort war schon die Feuerwehr im Gange und versuchte das Feuer zu löschen. Ich fand das total interessant und wollte so was später auch machen“, erzählt Erik mit leuchtenden Augen.

Im Wetteraukreis, zu dem Dorn-Assenheim und Hoch-Weisel zählen, gab es letztes Jahr 251 Neuzutritte in die Jugendfeuerwehren, 57 dieser Neuzugänge kamen direkt aus den Kinderabteilungen. Wobei auch 227 Austritte aus der Jugendfeuerwehr verzeichnet wurden. In der Einsatzabteilung sieht es da ähnlich aus. Hier gab es 218 Neueintritte, von diesen kamen 83 aus der Jugendfeuerwehr. Gleichzeitig verließen jedoch 207 Mitglieder die Einsatzabteilung. Als Mitglied in der Einsatzabteilung muss man die Bereitschaft haben an Lehrgängen teilzunehmen und stets einsatzbereit sein. Denn wenn der Melder geht, muss man alles stehen und liegen lassen, um so schnell wie möglich am Einsatzort zu sein. Eine Feuerwehr braucht im Schnitt acht Minuten von der Alarmierung bis zum Einsatzort. Die Einsätze können alles Mögliche sein, da gibt es zum Beispiel technische Hilfeleistung, Brandbekämpfung und oder die Katze auf dem Baum.

Bei Erik ist inzwischen ein wenig Traurigkeit eingeschlagen. Sein Team hat nur einen der letzten Plätze belegt. Die tröstenden Worte seines Jugendwartes haben ihn ein wenig milde gestimmt, die Gruppe sei nun mal erst seit einem halben Jahr ein Team und viele davon seien mit Erik erst vor Kurzem in die Jugendfeuerwehr gewechselt. Erik beschließt einfach besser zu werden, um irgendwann mit seinem Team den ersten Platz zu machen. „Es gibt noch so viel zu lernen, bis ich ein guter Feuerwehrmann bin, vielleicht werde ich ja dann irgendwann zum Helden“, spricht Erik sich Mut zu.

(Fotos: © Johanna Hilbig)

Johanna

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