Lifestyle: Freundschaft, bitte bleib doch!

Freunde kommen, Freunde gehen, nur die wahren Freunde bleiben stehen. Ein beliebtes Sprichwort. Tatsächlich sind mit steigendem Alter unsere besten Freunde die, die wir schon am längsten kennen. Im Durchschnitt haben 45 – 59-Jährige ihre besten Freunde seit 25 Jahren. Personen über 60 Jahre meist 39 Jahre. Dies ergab die Jacobs-Studie aus dem Jahre 2013.

Anne (57) und Karin (62) sind Freunde seit über 35 Jahren. Kennengelernt haben sie sich in einem Urlaub in Israel, durch eine gemeinsame Freundin. Mit der Freundin haben beide keinen Kontakt mehr. „Mit ihr habe ich zehn Jahre zusammengewohnt. Es ist schon merkwürdig, dass jetzt kaum Kontakt herrscht“, sagt Anne. Karin ergänzt: „Ich denke, es lag einfach daran, dass wir alle irgendwann einen Partner hatten und sie noch alleinstehend war.“ „Ich habe mich mit ihr auch nie gestritten oder Ähnliches. Ich bin dann in eine eigene Wohnung gezogen und war schon mit meinem heutigen Mann zusammen. Irgendwann hat sich dann der Kontakt verloren“, fährt Anne fort.

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Die Soziologin Mona Wolf schätzt, dass gerade einmal 20 % unserer Freundschaften das ganze Leben lang überdauern. „Freunde können uns positiv, als auch negativ beeinflussen. Man kann sich darauf verlassen, dass außer der Partnerschaft oder der Familie noch eine weitere Konstante vorhanden ist, auf die man zählen kann. Allerdings kann es sich wie Trennungsschmerz anfühlen, wenn sich eine Freundschaft auflöst. Verlust trifft auch in der Freundschaft sehr stark“, erklärt sie.

Claudia Lazanowski von der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Goethe Universität Frankfurt erklärt, dass manche Freundschaften durch Kränkungen enden können. „Das kann Eifersucht sein, wenn die Freundin den heimlichen Schwarm als Partner gewinnt oder wenn die Freundin den Partner nicht toleriert“, berichtet sie. Ein anderer Grund sei unsere stetige Entwicklung „Das bedeutet, dass wir eigene Interessen, Bedürfnisse und Haltungen ändern, was dazu führt, dass in einer alten Freundschaft plötzlich zu viele Konflikte und Gegensätze sind“, erklärt Lazanowski. Diese könne oder wolle man dann nicht mehr bewältigen. Dabei nehme das Verbindende ab.

Die gute Freundschaft zwischen Karin und Anne macht sich auch in ihrem Verhalten bemerkbar. Sie lachen sehr viel und verfallen nie in das peinliche Schweigen, indem man sich nichts mehr zu sagen hat. Dass ein Altersunterschied von fünf Jahren zwischen den beiden liegt, merkt man nur am Aussehen. Denn vom Charakter und Aussehen her könnten die beiden unterschiedlicher nicht sein: Anne ist dunkelblond und hat blaue Augen. Ihre Haare reichen bis zur Schulter. Karin dagegen hat braune, gelockte Haare und braune Augen. Ihre Haare sind etwas kürzer als Annes. Gesprächig sind sie beide und doch lassen sie sich gegenseitig ausreden. Karin wirkt manchmal etwas nervös und hektisch und ist oft vergesslich. Anne dagegen redet oft sehr viel und sehr schnell und wenn man es nicht gewohnt ist kommt man bei ihr kaum zu Wort. Manchmal vergisst sie auch, was man ihr gesagt hat und behauptet man hätte ihr das verschwiegen. So unterschiedlich die beiden auch sind, so sehr harmonieren sie. Gegensätze ziehen sich scheinbar an.

Auch die Soziologin Mona Wolf kann dem teilweise zustimmen. „Gegensätzliche Anschauungen, Hobbies und Interessengebiete können bereichernd für eine Freundschaft sein“, erklärt sie. Allerdings weist sie auch auf die negative Seite hin, denn gerade bei dem Punkt der Anschauungen oder auch der Idealvorstellungen könne es oft zu großen Differenzen kommen: „Es kann sich eine Partei miss- oder unverstanden fühlen. Wenn diese Differenzen nicht durch eine andere Basis überwunden werden können, führen diese oft auch zum Auseinandergehen langer Freundschaften.“

Für Anne und Karin sind gemeinsame Interessen und Hobbys die Grundlage ihrer Freundschaft. Sie teilen ihren Glauben und die Leidenschaft des Reisens. Beide haben eine gleichaltrige Tochter. Anne lacht bei dem Gedanken: „Ich weiß noch genau, wo ich Karin erzählt habe, dass ich schwanger bin. Sie hat dann überlegt und gemeint sie würde auch noch gerne ein Kind haben, wenn sie denn wüsste, dass es ein Mädchen wird. Zu dem Zeitpunkt hatte sie ja schon zwei Jungs. Ein paar Wochen später war sie dann tatsächlich schwanger und bekam sogar ein Mädchen“. Karin macht dabei ein erstauntes Gesicht. „Daran kann ich mich ja gar nicht mehr erinnern“, sagt  sie.

Eine Basis der Freundschaft von Anne und Karin ist das Vertrauen. Es ist für sie die wichtigste Eigenschaft ihrer Freundschaft. „Ich kann doch nicht jemanden als guten Freund bezeichnen und dann zu jemand anderes hingehen und über denjenigen lästern. Das ist in meinen Augen ein Unding“, sagt Karin aufgebracht. Anne fügt hinzu: „Für mich ist es aber auch wichtig jemandem zu haben, zu dem ich mal mit schlechter Laune gehen kann.“

Claudia Lazanowski sieht das ähnlich: „Gute Faktoren sind sicherlich Vertrauen zu können, emphatisch zu sein, das heißt auf den anderen eingehen, versuchen ihn zu verstehen“. Aber ein gesundes Abgrenzen sei ebenso wichtig. Dadurch könne man dem anderen signalisieren, wann eigene Grenzen begännen, erklärt die Therapeutin. Die Jacobs-Studie bestätigt, dass die wichtigsten Werte einer Freundschaft mit 87 % Zuverlässigkeit ist, gefolgt vom Vertrauen mit 80 %. Regelmäßiger Kontakt, Offenheit und Verständnis sind weitere Faktoren.

Während die beiden Freundinnen in Annes Küche am Tisch sitzen und in Erinnerungen schwelgen vergessen sie das Jetzt und Hier nicht. Karin sagt: „Ich hoffe, wir sind noch in zehn Jahren befreundet. Dass wir nicht nur von Krankheiten erzählen, sondern weiterhin etwas gemeinsam machen, und Neues ausprobieren“. „Wir sind dann vielleicht etwas schussliger, aber ansonsten hoffe ich, dass wir uns noch weiterhin so gut verstehen“, ergänzt Anne.

Johanna

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