Lifestyle: Wimpernlos durch die Zukunft?

Meine Freundinnen kauen Fingernägel. Ich ermahne sie oft, dass sie das lassen sollen. Doch ich kann sie gut verstehen, ich mache selber komische Sachen, wenn ich aufgeregt oder nachdenklich bin oder einfach nur zur Ruhe komme, ich weiß gar nicht wann genau. Ich ermahne mich auch oft genug, nicht meine Wimpern rauszureißen, doch der Drang kommt immer wieder. Selten, oft, öfter und wieder seltener.

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In der sechsten Klasse hatte ich keine Wimpern mehr und auch heute noch tauchen hier und da Lücken in meinen Augenbrauen und Wimpern auf. Für mich als Mädchen einfach mit Mascara und Lidstrich zu kaschieren, doch ein immer wiederkehrendes Problem. Ein Problem, was besser geworden ist und was ich auch einigermaßen in den Griff bekommen habe aber trotzdem, einen dichten Wimpernkranz werde ich wohl nie besitzen. Denn ich werde immer wieder rückfällig. Zwar kann ich mich oft rechtzeitig bremsen, aber es ist und bleibt eine Sucht.

Rückblickend begann alles in der sechsten Klasse. Ich habe mich einsam gefühlt, da ich einfach ein Mauerblümchen war. Ich hatte zwar hier und da Freunde und Anschluss aber nicht so wie ich es wollte. Ich fing an mein Gesicht zu erforschen und entdeckte meine Wimpern, ich wollte sie näher betrachten und begann ein paar herauszuziehen. Es war ein Schmerz, der irgendwie eine Sucht auslöste, damit weiterzumachen. Ich empfand Freude dabei, die Haarwurzeln zu betrachten und mit den Wimpern über meine Lippen zu streicheln. Je mehr Wimpern und umso dicker, desto besser. Das brennende Gefühl, was dabei auf meinem Finger,  durch den bohrenden Fingernagel beim Herausreißen, entstand, war auch nur ein Suchtschmerz, der in Kauf genommen wurde. Irgendwann wurde mein Lid resistent gegen den Schmerz und es tat nicht mehr so weh, wie am Anfang. Das war ein Grund damit erst Recht noch mehr weiterzumachen. Meine Wimpern sammelte ich dabei in einer Dose auf meinem Nachttisch.

Damals ist es glaube ich kaum jemanden aufgefallen. In der sechsten Klasse schminkte ich mich noch nicht, ich hatte eh relativ dünne Wimpern, die mit ihrer blonden Spitze kaum aufgefallen sind und mein unterer Wimpernkranz bestand noch, hier war mir der Schmerz beim Herausreißen zu groß. Ich merkte allerdings schnell, dass ich es beenden musste, und widerstand dem Impuls. Ich ging an meine Augenbrauen, um meine Wimpern wachsen zu lassen und versuchte nur noch die äußeren Wimpern auszureißen. Es wurde besser. Ich schmiss die gesammelten Wimpern weg und versuchte ein Schlussstrich zu ziehen. Es klappte – Fast. Da war ich schon 16 Jahre und meine Wimpern und ich, führten eine On-Off Beziehung. Allerdings schaffte ich es, immer einen Wimpernkranz zu halten.

Heute mit 22 Jahren mache ich es kaum noch, ein paar meiner Freunde wissen davon, die die es nicht wissen, wissen es jetzt. Ab und an werde ich noch „rückfällig“, aber ich bremse mich rechtzeitig. Ich fange an zu schreiben oder mache etwas anderes, damit ich weiter stark bin. Ich habe fast immer Wimperntusche aufgetragen, denn so umgehe ich den Drang sie rauszureißen, die Tusche hält mich ab. Dadurch, dass ich Kontaktlinsen trage, ist es auch nicht so einfach die Wimpern auszureißen, ohne die Linse gleich mit raus zuziehen.

Bis vor einigen Tagen dachte ich, ich bin die Einzige mit so einem Problem. Ich kam auch nie auf die Idee das zu googlen, damals war das Internet natürlich auch noch nicht so fortgeschritten. Doch mittlerweile weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin. Nein, mein Drang mir Wimpern und Augenbrauen auszureißen, hat einen Namen: Trichmotollie. Allerdings habe ich nur eine abgeschwächte Form, denn ich reiß mir nicht meine Kopfhaare aus. Noch nie von gehört? Ich vorher auch nicht, obwohl ich es habe.

Weitere Informationen:

Trichmotollie und was ich dagegen tun kann

Trichmotollie

Johanna

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6 Gedanken zu “Lifestyle: Wimpernlos durch die Zukunft?

  1. Was es nicht alles gibt! Wunderschön geschrieben. Aber lass Dir gesagt sein: Unter jedem! Dach sitzt ein Ach. Ich bewundere Deine Ehrlichkeit und den Mut darüber zu schreiben. Auch wenn Du immer mal wieder rückfällig wirst, scheinst Du das Thema im Griff zu haben. Alles Liebe und Gute und einen schönen Start in die neue Woche, Jenni

  2. Danke für die netten Kommentare. Für mich schien es weniger mutig darüber zu schrieben, als es nicht zu tun. Denn es gibt bestimmt irgendwo Leute denen es ähnlich geht, da hilft es über andere Personen und ihr Weg zu lesen.

    LG Johanna

  3. Liebe Johanna
    Ich hab schon von dieser Krankheit gehört und finde es zwar schlimm, dass viele Menschen davon betroffen sind, für meine medizinische Neugier ist das jedoch ein sehr spannendes Thema. Ich finde es super, dass du das so gut unter Kontrolle hast und bewundere dich extrem dafür, dass du diesen Beitrag veröffentlichst! Du hast meinen vollen Respekt für deinen Mut und mach weiter so! 🙂
    Liebste Grüsse
    Stéphie. ♥

    1. Danke Stéphie, ja momentan bin ich mal wieder schwach geworden und hasse mich abgrundtief dafür. Aber es irgendwie öffentlich zu machen, hat mir geholfen 🙂

      Was würde dich denn noch interessieren an der Krankheit, ich habe nämlich auch überlegt noch einen Artikel zu schreiben, aber ich finde, ich habe eigentlich schon alles gesagt *lach*

      LG Johanna

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