Lifestyle: “Hen Night” auf der Reeperbahn

  Er ist Pflicht vor jeder Hochzeit geworden. Jeder macht ihn und jeder will ihn machen. Der Junggesellen- beziehungsweise Jungeselinnenabschied. Wieso feiert man ihn eigentlich und woher kommt der Brauch?

„Nächster Halt …“, die Lautsprecherdurchsage geht in einem lauten „Lalalalalalala…“ unter. Denn sofort fangen alle Mädchen im Zugabteil des IC an zu singen. Jessica soll auf keinen Fall erfahren, wo die Reise hingeht. Sie weiß nur, dass sie heute Nacht woanders schläft und dass sie mit ihren Freundinnen unterwegs sein wird. Wohin es geht und was sie erwartet, bleibt geheim. „Ich hatte zwar die ganze Zeit eine Ahnung, aber das konnte ich nicht glauben!“, erzählt sie später.

Jessica trägt schwarze Leggins und ein schwarzes T-Shirt mit der pinken Aufschrift „Schatzsuche beendet – Ich heirate“. Dazu einen pinken Tüllrock und eine Krone mit Schleier. Beides bekam sie vorhin von ihren Freundinnen, bevor sie mit verbundenen Augen ins Auto geführt wurde und anschließend in den Zug einsteigen durfte. Ihre Freundinnen, die mit ihr im Zugabteil sitzen, haben pinke T-Shirts mit schwarzer Aufschrift an, auf denen „Braut Security“ steht. Daneben ein Schriftzug mit ihren Namen beziehungsweise Spitznamen: Jojo, Lisa, Tamara und Ann-Ka. Jessica ist unterwegs zu ihrem Jungeselinnenabschied.

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Jessica und ihre Braut-Security

Der Junggesellen – oder Jungeselinnenabschied (JGA) wird in den letzten Jahren auch in Deutschland immer öfter vor der Hochzeit gefeiert. Dabei wissen die wenigsten warum. Lisa, Jessicas Trauzeugin, erzählt: „Ich kenne den Brauch des JGA schon länger, vor allem durch die Medien und durch meinen Freundes – und Bekanntenkreis. Wo er genau seinen Ursprung hat, kann ich so spontan nicht sagen.“ Ann-Ka weiß da schon eher Bescheid: „Der Brauch kommt aus dem antiken Griechenland. Das habe ich aber jetzt nachgelesen.“ Angeblich wurde dieser von den Freunden eines Spartaners bei dessen Hochzeit ausgerichtet. So genau weiß es aber keiner.

Nach rund vier Stunden IC Fahrt ist Jessicas JGA endlich am Ziel. In der Zwischenzeit wurde ordentlich Alkohol in Form von Hugo getrunken. „Ich finde ein JGA vor der Hochzeit ist wichtig, um noch einmal die Sau mit seinen Mädels herauszulassen“, sagt Ann-Ka. Mittlerweile weiß Jessica auch, wo die Reise hingeht. Der Schaffner hatte sich verraten, obwohl er vorher schon von Tamara die Anweisung bekommen hatte, nicht zu sagen, wo die Reise hingeht. Zum Glück war der IC schon kurz vor Hamburg. „Ihr seid doch verrückt!“, waren Jessicas erste Worte, als ihr klar wurde, dass sie wirklich in Hamburg ist.

Früher gab es in Deutschland nur den Polterabend. In den angloamerikanischen Ländern hat sich der JGA als „Stag Party“ oder bei Frauen als „Hen Night“ schon lange durchgesetzt. „Ich weiß gar nicht, ob meine Eltern einen JGA hatten oder nicht, ich glaube eher nicht, sonst hätten sie bestimmt schon einmal was davon erzählt“, stellt Lisa fest. Ann-Ka ergänzt: „Bei dem JGA ist man nur mit seinen Mädels unterwegs. Man ist unter sich. Beim Polterabend kommen ganz viele, manche kennt man gar nicht.“ Zum Polterabend wird nicht direkt eingeladen, jeder darf kommen. Dabei ist es egal, in welcher Verbindung man mit dem Brautpaar steht.

Heute ist aber kein Polterabend, sondern Mädelstag. Jessica weiß noch gar nicht, was alles auf sie zukommt. Nachdem das Hostel bezogen wurde, geht es direkt los auf den Jungfernstieg und die Landungsbrücken. „Was habt ihr denn jetzt mit mir vor? Ich muss jetzt aber keine komischen Sachen machen?“, fragt Jessica nervös. Zum Glück sind ihre Mädchen, im Gegensatz zu den anderen JGAs, die man in Hamburg trifft, wirklich sehr human. Jessica muss lediglich Lose verkaufen, um die Abendkasse aufzubessern. Im Laufe des Tages hat man unterschiedliche JGAs aus den verschiedensten Städten kennengelernt. Wien, München oder Kaiserslautern – alles ist vertreten. Teilweise müssen die Bräutigame in hässliche rosanen Ganzkörperanzüge herumlaufen und Geld damit verdienen, dass sie angefasst werden. Je intimer es wird, desto teurer. Natürlich ist es klar, dass sich die JGAs gegenseitig bei Aufgaben erfüllen oder Lose kaufen unterstützen. Gerade muss Jessica mit dem rosanen Bräutigam Wiener Walzer tanzen. Dazu summen alle Anwesenden im Takt den rosaroten Panther – wie passend. Es wird viel gelacht und die Stunden verstreichen. Schnell wird es Zeit für das Abendprogramm – eine Kieztour ist geplant.

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Ein schöner Rücken – kann auch entzücken

Lisa stellt fest: „Bei dem JGA kommen Freundinnen aus verschiedenen Bekanntenkreisen zusammen, zum Beispiel Freundeskreis, Arbeitskollegen oder auch ehemalige Klassenkameraden.“ Das ist auch heute der Fall. Lisa kennt Jessica am längsten, beide gingen lange Zeit zusammen in eine Klasse, Jojo hat sie durch die Ausbildung kennengelernt und Tamara und Ann-Ka waren irgendwann durch gemeinsame Bekannte auch in ihrem Freundeskreis. Alle sind heute ein bunt zusammengewürfelter Haufen. „Man lernt viele neue Leute kennen, obwohl ich ja von der Braut Security alle kannte“, lacht Lisa.

Die Mädchen hatten Glück, es war den ganzen Tag Sonnenschein und gutes Wetter. Nur ein kalter Wind wehte, aber damit rechnet man in Hamburg. Jetzt ist es zehn Uhr und die Kiezführung beginnt. Erst jetzt bemerken alle, wie kalt es eigentlich geworden ist. Lustigerweise werden heute zwei Jungeselinnenabschiede zusammengeführt. „Wir sind es hier schon gewohnt, dass JGAs an der Kieztour über die Reeperbahn teilnehmen. Da die Interessen bei den meist jungen Leuten immer woanders liegen, ist es einfacher, wenn man diese zusammenlegt“, erklärt der Kiezführer André. Dabei muss er laut lachen, denn Jessica hilft gerade der anderen Braut ihre letzte Aufgabe zu erfüllen und tanzt zu „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer. Ihre Braut-Security übernimmt dabei die Rolle der Backgroundtänzerinnen. Jetzt ist auch allen wieder warm.

„Man verrät ja bekanntlich nicht viel von den jeweiligen JGA, weil das ja innerhalb der Gruppe bleiben soll“, findet Lisa. Ihr Ziel war es Jessica einen unvergesslichen JGA zu organisieren, an den man auch noch in vierzig Jahren denkt. Es sei für sie eine schöne Tradition. Die Braut erhalte von ihren liebsten Freundinnen eine Überraschung und könne sich schon mal auf die Hochzeit und den Polterabend vorbereiten, erklärt Lisa. Genau das ist der JGA inzwischen geworden, eine schöne Tradition, die sich irgendwann einmal in den Vereinigten Staaten und Großbritannien durchgesetzt hat und nach Deutschland übergeschwappt ist. Wie das bei den meisten Traditionen in der Gesellschaft und der Familie so ist, weiß auch beim JGA keiner genau, woher dieser Brauch jetzt genau kommt. Es geht einfach darum, noch einmal seine Freiheiten auszuleben, bevor man in den Hafen der Ehe einkehrt.

Jessica und ihre Braut Security sind inzwischen auch wieder im Hostel eingekehrt. Es ist drei Uhr nachts. Tamara, Ann-Ka, Jojo und Lisa werden sich bald wieder sehen. Es müssen schließlich noch Hochzeitsspiele und andere Dummheiten geplant werden – gemeinsam mit den Junggesellen. Davon weiß Jessica nur noch nichts. Sie schlummert friedlich in ihrem Bett und träumt von ihrem Traumprinzen. Hoffentlich ist es wirklich ihr Verlobter. Schließlich ist die Schatzsuche beendet.

Johanna

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